«Ich hatte ein gebrochenes Herz, als ich mit Mono begann»

«Ich schraube herum»: Sandro Gassmann in der Mono-Küche. Foto: Doris Fanconi, Text: Ev Manz23.02.2018

In der Zürcher Binz tüftelt Sandro Gassmann an Fruchtdrinks herum. Sie sind nach Frauen benannt und von Tieren inspiriert.

Sandro Gassmann liebt gute Geschichten. Und er gibt gerne gute Geschichten weiter, mit Vorliebe in Form von Essen beziehungsweise Trinken. Seine eigene Geschichte hat ihm die Mutter gerade kürzlich wieder erzählt. Er habe schon als Kind gewusst, dass er einmal sein eigenes Geschäft haben werde. Und während alle anderen noch darüber nachdachten, wie sie etwas in Angriff nehmen könnten, habe er schon längst mit einer Aufgabe angefangen.

Das tat Gassmann auch vor gut drei Jahren. Er füllte in der Küche seiner Wohnung in Zürich einige seiner Lieblings-Saft-Mixes ab und hausierte damit in den nahen Büros. Heute ist er Geschäftsinhaber der Getränkemanufaktur Mono. Grippepatienten schwören auf deren Ingwer-Shots genauso wie verkaterte Partygänger.

Verspätet trifft Sandro Gassmann an diesem Morgen in einem der Restaurants im Kreativquartier Binz ein; nebenan im holzigen Containerbau befindet sich das Büro des Kleinunternehmers. Wie ein solcher kommt er nicht daher. Seine rote Wollmütze wird der 32-Jährige einen Kaffee lang nicht vom Kopf mit den kinnlangen Haaren nehmen.

 

Warum wollten auch Sie mit Smoothies und Früchteshots Geld verdienen?

Das Geld stand für mich nie im Vordergrund. Ich vermisste ehrliche und funktionale Produkte und versuchte, diese Lücke im Markt zu schliessen.

 

Was meinen Sie mit «ehrlich»?

Unsere Kreationen sind so naturbelassen und unbehandelt wie möglich. So bleibt das Maximum an Nährstoffen und Geschmack enthalten.

 

Da könnte ich ja ebenso gut eine Orange essen.

Wie die schmeckt, wissen wir alle. Aber hey, es geht um ein Bouquet aus verschiedenen Geschmäckern. Ein raffinierter Mix vermittelt ein Erlebnis, erzählt im Gaumen eine Geschichte. Gutes Essen und Trinken macht happy und hilft gegen vieles.

 

Am Strand von Costa Rica


Ein Feinschmecker war Sandro Gassmann schon als Kind. Er freute sich immer auf die gemeinsamen Mahlzeiten im Kreis der Familie und hätte am liebsten immer mitgekocht. Das war der Mutter aber zu viel des Trubels. Gassmann litt aber auch unter Allergien. Deswegen entwickelte er schon früh ein Gefühl dafür, welches Essen sich wie auf seinen Körper auswirkt.

Später trieb er intensiv Sport und las sich in die Ernährungslehre ein. So oft es ging, stand er am Herd. Seine Ansprüche an gutes Essen wurden immer grösser. Bald merkte er, welche Gerichte ihn noch glücklicher machten. Dann begann Gassmann, Wirtschaft zu studieren. Motiviert war er nie. Er hatte das Gefühl, in all der Theorie zu versauern, aber er wusste, dass er «die Werkzeuge» eines Tages würde brauchen können. Daneben reiste er, so oft es ging, und machte Sport. Einmal lag Sandro Gassmann am Strand in Costa Rica. Er machte Pause vom Surfen und beobachtete einen Affen dabei, wie er Blätter und Früchte direkt vom Baum ass. Gassmann dachte darüber nach, woher Menschen kommen und was sie machen. Und darüber, dass sie gut daran täten, sich wie Primaten zu ernähren. So frisch und natürlich wie möglich.

2015 keimte der Plan der eigenen Businessidee erneut auf. Sandro Gassmann erinnerte sich auch an den Affen und an den Ingwertee seiner Grossmutter, den er jeweils getrunken hatte, wenn er krank war. Bloss: Ohne Investoren sah Gassmann keine Möglichkeit für ein eigenes Geschäft. Sein Bruder riet ihm, seine Herzensidee zu verwirklichen und klein anzufangen. Sandro Gassmann braute aus bestem Ingwer, unbehandelten Zitronen und Bio-Honig einen konzentrierten Saft und füllte ihn frisch und ohne zu pasteurisieren in 6-cl-Flaschen ab. Den Drink taufte er Gripen. Seine Firma heisst Mono, in Anlehnung an den Affen und als Synonym für Einzigartigkeit.

 

Mit dem Wort «Gripen» nehmen Sie den Bund aufs Korn, der Kampfjets mit jenem Namen anschaffen wollte.

Genau. Mir gefiel zudem der Name mit dem Zusatz: die schärfste Waffe gegen Grippe, Müdigkeit und Hangover. Den mussten wir inzwischen entfernen. Aber den gewollten Schreibfehler, das fehlende zweite P, finde ich nach wie vor ziemlich catchy.

 

Es fällt auf, dass einige Ihrer Kreationen auch Frauennamen tragen. Sind das alles verflossene Lieben?

Ich hatte tatsächlich ein gebrochenes Herz, als ich mit Mono begann.

 

Wegen Gloria oder Daphne?

Weder noch. Gloria ist eine langjährige Mitarbeiterin von mir aus Südamerika. Der karibische Erfrischungsdrink ist ihr gewidmet. So grün wie Daphne war der Papagei einer Freundin mit demselben Namen.

 

Und Chloé?

Eine Französin.

 

Ein DJ an Geschmackshebeln

Gassmanns Stammkundschaft wuchs schnell. Bald presste und mixte er frühmorgens in einer kleinen Produktionsküche im Kreis 4 und lieferte die Produkte gleichentags an Kunden aus. Statt die Zutaten wie zu Beginn frisch auf dem Markt einzukaufen, liess er sich nun beliefern. Er schaffte sich nach und nach Maschinen an, tüftelte an neuen Mixturen, etwa einem aus Orange, Mango, Wasser, Limette, Zitrone, Dattel, Kardamon und Zimt – «0816». Dann nahm ein kleiner Imbiss nahe der Uni seine Kreationen ins Sortiment auf, heute gehört auch Globus zu seinen Abnehmern. Dafür arbeitete Gassmann fast Tag und Nacht, schlug sich mit Papierkram herum, investierte jeden Franken, den er verdiente. Irgendwann kamen die ersten Angestellten, das Büro in der Binz.

 

Wie kommen Sie auf die perfekte Mischung?

Eigentlich schraube ich wie ein DJ an den verschiedenen Geschmackshebeln, bis Säure und Süsse den Drink auf das angepeilte Niveau heben.

 

Klingt spannend.

Ist es auch. Aber natürlich lasse ich mit jeder neuen Kreation immer wieder vor der ganzen Stadt die Hose runter.

 

Bei welchen Vorbildern haben Sie sich das Wissen angeeignet?

Learning by Doing aus diversen Büchern. Warum Kurse besuchen, wenn man es sich selber beibringen kann?

Heute beschäftigt Gassmann zehn Mitarbeiter, darunter sind auch immer wieder Personen aus Arbeitsintegrationsprogrammen. Seine Produktion hat er mittlerweile in eine grosse Gastroküche in der Binz verlagert, die er mit anderen Nutzern teilt, etwa einem kleinen Schokoladenproduzenten, Suppenköchen oder Kleinbäckern.

Gassmann zeigt den Ort, wo sein Herzensprojekt entsteht. Massbecher, Waagen, Pressen, Entsafter, Kühler, alles steht auf Rollen bereit für die nächste Produktion. Auf einem der Wagen stimmt die Anordnung nicht, Gassmann macht mit dem Smartphone ein Bild. Abgefüllt wird noch immer von Hand.

Die Produktion mitten in der Stadt und alles andere haben ihren Preis. Gassmanns Shots kosten um die fünf Franken, Drinks einige Franken mehr. Kompromisse macht Gassmann nicht. Er vergleicht den Preis mit dem eines Espressos, für den man vielerorts in der Stadt fast ebenso viel bezahle. Trotz des Erfolgs in der Heimatstadt stellt der Jungunternehmer Zürich für Start-ups kein gutes Zeugnis aus. Er fühlt sich von den Behörden gegängelt.

 

Was läuft falsch?

Da bringen wir die Innovation, auf welche die Stadt so stolz ist, schaffen Arbeitsstellen und verbreiten gute Vibes. Du investierst und riskierst alles, musst aber Gebühren zahlen wie ein Grossunternehmen. Hey, wo bleibt da die Anerkennung?

Quelle: www.tagesanzeiger.ch